Wenn Gewissheit auszieht
Ich schließe die Tür hinter mir, lege meine Schlüssel in die kleine lilane Schale—ein Geschenk von L. für unsere gemeinsame Wohnung. Und dann kommen die Tränen. Schon den ganzen morgen war ich aufgebracht und verunsichert. Jetzt lässt die Anspannung nach und ich merke, was ich zurückhielt.
Anfangs hatte ich ein starkes Gefühl von Freiheit, von Erleichterung. Ich konnte machen, auf was ich Lust hatte, wann immer ich wollte. Ohne Rücksicht nehmen zu müssen. Alleine sein, so viel ich wollte. Und genau das fällt mir nun auf die Füße. Es ist eine Trauer über ein Ende, welches ich mir ausgesucht habe. Sehnsucht nach Vertrautem und Bekanntem, gemeinsamen Routinen und der Gewissheit: Da ist Jemand. Und jetzt blickt mich die Leere vorwurfsvoll an, wo vorher seine Sachen standen.
Immer, wenn einer von zwei Liebenden geht
Immer wenn einer, Philipp Poisel
Bleibt einer zurück, der die Welt nicht mehr versteht
Der sich dann fragt, was der andere wohl treibt
Und was ihm vom ander’n am Ende noch bleibt
Es müsste alles so klar sein und so eindeutig. Stattdessen hinterfrage ich die letzten Monate und alle Emotionen. Diese Diskrepanz zwischen einer Entscheidung und ihren Konsequenzen ist es, was mich aufweicht. Viel schwerer zu ertragen ist diese Senke, weil ihre Ränder verschwimmen, statt sich klar abzuzeichnen.
Niemand fragt den, der von sich aus geht, ob er auch Heimweh hat. Er hätte schließlich bleiben können. Aber wenn Bleiben keine Option ist, und es wehtut, ist es wahrscheinlich an der Zeit, in sich selbst wieder ein Zuhause zu finden.