Ohne Titel

Die Wintersonne ist längst untergegangen. Eine letzte Umarmung und noch eine und… eine noch. Dann ein letzter Kuss. Ich schleiche fast in den Zug, so sehr hältst du mich innerlich zurück. Seit drei Stunden klopft mein Herz wie wild und wird es auch die nächste noch tun. Unbeschreibliche Magie.

Jedes Berühren unserer Lippen bringt die Welt kurz zum Stillstand und alles andere wird unwichtiger, mit jeder Sekunde—selbst die beißende Kälte, die uns beide zum Zittern bringt. Im Warmen nehmen wir die anderen Menschen gar nicht wahr. Alles verschwimmt in und außerhalb deinen Augen, in denen sich zu verlieren wie warmes Wasser anfühlt, das einem in der Dusche die Wirbelsäule herunter läuft.

Und doch wäre Duschen das Letzte, was ich in diesem Moment hätte tun wollen, weil ich so jede Berührung von meiner Haut waschen müsste. Viel lieber spüre ich den leichten Druck deiner Hand auf meinem Knie, aber irgendwie sind es weder deine Hand noch mein Knie—alles ist Eins geworden. Verbunden verschlingen wir uns ineinander. Dann lösen wir uns etwas und schauen uns an.

Ich bin überwältig, jedes Mal, wenn ich womöglich alle existierenden Blautöne in deinen Augen sehe.

Bevor ich gänzlich in meiner Trance gefangen bin, spüre ich deinen Atem in meinem Gesicht—eine Mischung aus Pfirsich und endloser Hingabe. Langsam kommst du näher und schließlich ist auch für ein Blatt Papier zwischen uns kein Platz mehr. Ganz langsam und vorsichtig, als könnte eine ruckartige Bewegung diesen ganzen Moment zerstören, berühren sich unsere Lippen wieder.

Wir bewegen uns in einer Tiefe, durch die wir höher nicht fliegen könnten. Sanft streichle ich dir durch die braunen Haare und meine Gedanken kreisen wie meine Finger—was, wenn das der Höhepunkt meines Lebens ist? Wenn es nie wieder einen schöneren Moment gibt? Fühlst du all das auch? Bist du genau so verloren und möchtest trotzdem nicht gefunden werden?

Ich will dir Vertrauen geben, durch das nie wieder jemand dir schaden kann. Dich beschützen vor unreinen Absichten und einen roten Teppich ausrollen, damit die ganze Welt deine Größe erkennt. Wenn du deine Augen schließt, ruh sie aus, du kannst durch meine sehen.

Ein Zwinkern—du lachst, ich lache. Und weißt du was? Es ist ganz egal, was aus uns wird, was das hier war. Noch lange werde ich an diesen Moment denken, der mich daran erinnerte, was es wirklich heißt, am Leben zu sein.

Wellen

30 Zentimeter vielleicht, mehr nicht. Ich sitze im Schneidersitz auf dem Bett, er liegt vor mir, eingeschlafen. Gelegentlich ein Zucken. »Vielleicht ein Alptraum«, dachte ich. Die goldenen Locken leuchten mir entgegen, in diesem leicht beleuchteten Schlafzimmer irgendwo im exotischen Nichts.

Es ist 5.20 Uhr, zu spät, um zu schlafen, zu früh, um wach zu sein. Draußen wird es schon wieder hell. Im Hintergrund läuft FALLIN von CRO. Fallen tue ich auch grade, irgendwo zwischen siebtem Himmel und dem Boden, den ich bald mit einem dumpfen Schlag erreichen werde.

Wie gerne ich ihn jetzt umarmen würde, leicht durch die Haare wuscheln und den Rücken streicheln—einfach irgendwas, um ihm zu zeigen, wie sehr ich es mag, in seiner Nähe zu sein.

I like me better when I’m with you trifft es ganz gut, denke ich, als der Song wechselt. Ich bin fast immer ich selbst, aber nur selten lasse ich die ganz besonderen Seiten heraus. Vielleicht nur mit besonderen Menschen. Vielleicht nur mit Menschen, für die keine Worte meine Wertschätzung ausdrücken können.

Gestern Abend waren wir noch im Meer, Schwimmen, gegenseitiges Untertauchen, Wellenreiten und zwischendurch immer lautes Lachen wegen schlechter Witze und versauten Metaphern des Meeres und alles andere zwischendrin—was uns das Wasser eben so in den Kopf spült.

Dann eine lange Umarmung. Er zittert, uns beiden ist kalt, aber aus dem Wasser zu gehen würde es nicht besser machen. Also klammern wir uns an den anderen und versuchen mit aller Mühe die Kälte aus den Körpern zu drücken.

Die Augen brennen so voller Salz. Das kannte ich sonst nur vom Weinen, aber danach war mir ganz und gar nicht zumute. Höchstens vor Freude; Auch der Mond war bereits untergegangen und beim Rumdümpeln auf dem Rücken konnte man die unzähligen Sterne beobachten.

Vermutlich habe ich so viele Gedanken wie Sterne in dieser Nacht an dich gedacht, keiner davon hat mich mehr beruhigt als der, der mich daran erinnerte, was für einen großartigen Freund ich mit dir habe. Danke, dass du da bist und dir keine Welle mit mir zu groß ist.

Buchenwald

Ohne viele Worte laufen wir die von Bäumen gesäumte Strecke entlang, die deutlich als ehemalige Gleisanlage zu erkennen ist. Von grünen Blättern tropft der Regen, die Luft ist schwül und wird durch jeden Schritt erdrückender. Nicht zuletzt wegen dem Ziel der Trasse. Tatsächlich lassen sich jetzt auch richtige Schienen erkennen—zerstückelt, aber voller Geschichte. Metallschienen, die unschuldigen Menschen den Weg in die Hölle auf dem Ettersberg ebneten.

Die ersten Schritte auf dem Asphalt sind komisch. Man erkennt über den Hügel Umrisse einzelner Gebäude und die des Eingangstores zum ehemaligen Häftlingslager. Der Untergrund wird zu Schotter und schließt man die Augen, könnte man sich fast vorstellen, selber im Gleichschritt über das Gelände zu laufen. Allerdings in vernünftiger Kleidung, mit gefülltem Bauch und mit dem sicheren Gewissen, diesen Ort bei Belieben eigenständig und unverletzt wieder verlassen zu können.

Die Tour über das Gelände bringt immer weitere dunkle Geheimnisse ans Licht. Der Bunker, in dem Sommer dem Winter gleich war oder das Krematorium. Ein Platz, der mir innerhalb von Sekunden Tränen in dir Augen trieb—Warum? der einzige Gedanke in meinem Kopf.

Die kuratierte Ausstellung wieder verlassen, die genauere Einblicke in das tägliche (Über)leben und historische Kontexte bietet, spürt man im Gesicht einen Wind, der fast schon friedvoll daher weht. Es ist eine Stimmung, die widersprüchlicher nicht sein könnte. In wenigen Momenten in meinem Leben habe ich mich je so lebendig und frei gefühlt.

Jetzt Blickt man als 5 Jahrzehnte auf diesen Ort, über den zwischenzeitlich Gras, mittlerweile auch Bäume gewachsen sind. Dennoch wird vieles getan, um die unmenschlichen Verbrechen und ideologische, perverse Willkür aufzuklären und ihnen Raum für Erinnerung zu geben. Wichtige Schritte zur Aufarbeitung einer erschreckenden Geschichte.

Geschichte, die sich nicht wiederholen darf und uns eine Verantwortung in die Hände legt, genau dafür auch zu sorgen.