Juli 2026

  • Frei und kreativ arbeiten kann ich nicht gut. Eine leere, weiße Seite überfordert mich schnell. Mit einigen Einschränkungen und funktionalen Leitplanken komme ich deutlich besser klar. Vive la Funktionalismus!
  • »Grief is such a solid promise/ Joy just leaves you in the rain«
  • Die Welt geht unter, und ich muss trotzdem arbeiten?
  • In der S-Bahn nach Altona, Blumenerde im Baumarkt kaufen. Neben mir sitzt jemand mit einer Tefal Heißluftfritteuse. Draußen läuft jemand mit einem Karton vorbei, auf den eine Ukulele gedruckt ist. So tragen wir alle unsere Päckchen.
  • Ich machte mir eine Scheibe Brot, mit Bionella und einer geschnittenen Erdbeere darauf. Beim ersten Bissen fällt mir ein Stück Erdbeere auf mein Handy, das ich in der linken Hand halte. Auf dem unteren Teil des Bildschirms wird so die Diktierfunktion aktiviert—und im Eingabefeld steht: »Fuck«.
  • »Wenn ich nicht weiß, was ich unternehmen soll, macht mir das nichts aus. Weil ich ohne Plan im Zweifelsfall dort bin, wo ich eh sein will—zu Hause.«
  • Seit 8.30 Uhr liege ich wach im Bett. Geweckt von meinem Wecker. Durch das offene Fenster zum Innenhof ertönen aus verschiedenen Wohnungen andere, aber doch bekannte Klingeltöne. Die Welt wacht auf.
  • Mit zitternden Händen erwarte ich das Schlimmste. Schon Stunden vorher bin ich mit meinem Kopf bei den vielen Fragen, die ich habe. Und bei der Angst, die mich die letzten Wochen durchlöchert hat. Danach dann Leere und eine komische Gleichgültigkeit. Fragen sind immer der Mühe wert, Antworten nicht immer.
  • Ich treffe C. und wir sprechen über das frühe Internet, wie KI unsere Arbeit beeinflusst, den CSD und die AfD, Musik und das Schreiben, Zeichnen und Malen. Und wieder einmal erkenne ich: Jedes einzelne Leben ist so voll mit komplexen Facetten, die uns am Ende ausmachen. Sonder! Solche Einblicke sind so wertvoll, und ich dankbar, dass Menschen meine Einladungen manchmal annehmen.
  • »So fühlt sich Freiheit an,« denke ich, als F., P. und ich mit der Fähre nach Mönkeberg übersetzen. Wind in den Haaren, die Sonne streichelt meine Haut. Wir essen Pommes Rot-Weiß. Es sind jedes Mal die kleinen Dinge.
  • Glitzer, Hundemasken, Madonna. Schilder, Fahnen, Sticker. So ein bunter Tag, ich kann mich nur freuen—genieße jede Minute und schöpfe Mut, bei jedem Kuss, den ich beobachte. Dann der Terroranschlag. Wir erfahren davon durch Nachrichten von besorgten Freunden. Irgendwie hatte ich eine Vorahnung, dass etwaiges passieren muss. Und doch tut es weh. Haltung ist hot. Haltung ist aber vor allem wichtig. Plus que jamais. Wir bleiben laut!

Das Meer

Gásadalur, Faroe Islands

Das Blau knallt nur so vom Himmel herunter, die Sonne blendet. In mir peitschen hohe Wellen der tiefschwarzen See an die triefenden Ufer. Wie angegossen kleben nasse Haarsträhnen mir im Gesicht, nur um von der nächsten Flut wieder weggewischt zu werden. Klammernd an einem Felsvorsprung, der so glitschig zwischen meinen Fingern immer wieder wegzurutschen droht, halte ich mich noch. Dabei bin ich selbst hier heruntergeklettert. In die Tiefe, mitten hinein in das eigene Unglück.

Mit der freien Hand, fest auf die linke Brust gepresst, rief ich in die Allnacht, so laut ich konnte. Nun flossen sie aus mir, all die betrüblichen Vorwürfe, Ängste. Und mein Gegner das Dunkel, das wütete. Entlang der Küste spritzte weiter das Wasser empor. Eine Erwiderung, also antwortete ich erneut. So kraftvoll der Lärm dieser Natur, so schwer fiel es mir, die Gedanken zu hören, mit denen sich dieser Sturm bezwingen ließe.

Vor einer Weile schon hatte ich das gelegentliche Flackern neben dem Horizont wahrgenommen. Jetzt kam es näher. Ob es gutes Licht war, das vielleicht die unsäglichen Wassermassen beruhigte, oder doch nur die erzürnten Boten des Himmels auf dem Weg zur Erde—ich konnte es nicht erkennen. Ich konnte nur hoffen. Was mit mir passieren würde, darin lag nur noch Gleichgültigkeit. Mir ging es viel eher um die, die ich zurückgelassen hatte. Für sie führte ich den Kampf, der mich meine Helle kosten könnte.

Hagel prasselte und ich schrie immer noch. Die Körner waren groß wie Nüsse, doch sie schlugen nur unmerklich ein. Zu taub war meine Haut von der Kälte. Ein Windstoß nun ließ mich endgültig meinen Halt verlieren. Auf dem Algenteppich glitt ich zur Kante, und mit einem letzten Stoß riss es mich in die Tiefe. Ich stürzte und stürzte und dann weiß ich nichts mehr.

Saudade, Saudade

Maro mit Gabriel und Pedro Altério, Tommaso Taddonio (Carbeau) und Manuel Rocha

Nichts, aber auch rein gar nichts, ist besser, um eine stressige Woche abzuschließen, als ein gutes Konzert. Und dieses Konzert war verdammt gut. Im Knust, einer sehr kleinen und gemütlichen Venue, scheinen Konzerte immer greifbarer, irgendwie persönlicher zu sein.

Ich war noch nie in Portugal, aber wenn alle Menschen dort so drauf sind, wie die fünf auf der Bühne, muss es ein wunderbarer Ort sein. Maro ist so durchweg authentisch in ihrem Humor und auch der Musik. Das gleiche Gefühl, das ich schon bei Jacob Collier empfinde, erschleicht mich auch bei ihr: Viele Menschen machen Musik, einige wenige sind Musik. Es sprudelt nur so und alles ist ehrlich. Wahrscheinlich auch Grund dafür, dass ich schlicht jeden ihrer Songs mag.

An diesem Abend bin ich vor allem bei mir selbst, habe oft die Augen zu. Lasse mich von den Klängen an einen anderen Ort tragen. Weg von alltäglichen Kapriolen und Sorgen. An einigen Stellen muss ich einfach grinsen, wenn eine musikalische Pointe besonders gut sitzt, der Drop mich in Bewegung bringt; Andere Momente sind ruhiger, trauriger, tiefer. just wanna forget you oder can you see me? haben eine leise Wucht, mit der sie einschlagen.

Als sie noch mal auf die Bühne kommt, für eine nicht geplante Zugabe (das erste Mal auf dieser Tour!) singen wir gemeinsam, nur von der Gitarre begleitet, Still Feel It All. Auch jetzt fühle ich es noch, und laufe danach beseelt nach Hause.

A Dawning

Ein bewegender Film, der von Leben zwischen West Cork und Reykjavík erzählt; Regie: Niall O’Brien.

Wer mich kennt, weiß, wie sehr ich Ólafur Arnalds für seine Musik schätze. Auf das Album mit dem aus West Cork stammenden Sänger Talos habe ich lange gewartet und seit der Veröffentlichung vor genau einem Jahr—im Juli 2025—ist es mein Lieblingsalbum schlechthin.

Man möchte die Szenen aus dem Musikvideo banal nennen, oder alltäglich. Aber gerade solche Momente besitzen, in meinen Augen, eine außergewöhnliche Ästhetik. Es ist nicht gestellt, nicht geprobt. Es ist alles echt. Niemand greift nach Perfektion. Und alles wird durch die Musik viel voluminöser.

Die tragische Geschichte um das frühe Ableben von Talos, der noch während der Produktion der Platte an einer Krankheit starb, gibt allem eine sehr schwere Atmosphäre. Und trotzdem ist es kein trauriges Album per se. Durch all den Kummer ziehen sich Hoffnung und das starke Gefühl von Gemeinschaft. Ich habe viele Tränen zu diesem Album schon verdrückt. Besonders Bedrock, A Dawning und We Didn’t Know We Were Ready treffen mich jedes mal tief ins Herz.

Juni 2026

  • Mandelentzündungen sind nicht toll. Immerhin kann ich mal wieder ohne schlechtes Gewissen Buchstabensuppe löffeln.
  • Dieses Bild entstand bei einem Spaziergang durch Planten un Blomen und fasziniert mich bis heute. Die Komposition und das Licht zusammen mit diesem (wahrscheinlich uralten) massiven Baum—mein Bild des Monats.
  • Für ein Tom Misch Konzert bin ich eine Nacht in Berlin. Als ich auf Apple Karten lustlos umherscrolle halte ich inne und muss grinsen. Ich lese: »Eschschloraque Rümschrümp«.
  • Schon lange war ich nicht mehr so wütend. So endlos enttäuscht von mir. So bin ich nicht und so will ich nicht sein. Am ersten Tag des Wiedersehens bin ich intensivst damit beschäftigt, L. zu ignorieren. Lange halte ich es dann doch nicht mehr aus. Gehe auf die andere Seite vom Schreibtisch und umarme ihn still für einige Sekunden. Mein Herz klopft, aber der Knoten löst sich.
  • 16.618 kWh trage ich in meine Stromanbieter-App ein und schicke den Wert ab. Aus unerfindlichen Gründen macht mir das Ablesen von Zählern großen Spaß. Selbst, wenn ich dafür in den Keller muss.
  • Ich war schon lange nicht mehr mit Badehose in der Stadt unterwegs. Aber was soll man bei derart unmenschlichen Temperaturen sonst machen?
  • Sehr lange dachte ich, dass man entweder mit anderen menschen kompatibel ist, oder eben nicht. Dass es eine Grundvoraussetzung ist. Zusammen mit F. lerne ich, dass Kompatibilität auch miteinander entstehen kann.
  • Neue Lieblingseissorte: Zitrone-Basilikum.
  • Bugonia. Was um alles in der Welt ist dieser Film? Cinematografisch und musikalisch eine Meisterleistung, keine Frage. Äußerst amüsant und doch in Teilen schwer zu ertragen.

Wenn Gewissheit auszieht

Ich schließe die Tür hinter mir, lege meine Schlüssel in die kleine lilane Schale—ein Geschenk von L. für unsere gemeinsame Wohnung. Und dann kommen die Tränen. Schon den ganzen morgen war ich aufgebracht und verunsichert. Jetzt lässt die Anspannung nach und ich merke, was ich zurückhielt.

Anfangs hatte ich ein starkes Gefühl von Freiheit, von Erleichterung. Ich konnte machen, auf was ich Lust hatte, wann immer ich wollte. Ohne Rücksicht nehmen zu müssen. Alleine sein, so viel ich wollte. Und genau das fällt mir nun auf die Füße. Es ist eine Trauer über ein Ende, welches ich mir ausgesucht habe. Sehnsucht nach Vertrautem und Bekanntem, gemeinsamen Routinen und der Gewissheit: Da ist Jemand. Und jetzt blickt mich die Leere vorwurfsvoll an, wo vorher seine Sachen standen.

Immer, wenn einer von zwei Liebenden geht
Bleibt einer zurück, der die Welt nicht mehr versteht
Der sich dann fragt, was der andere wohl treibt
Und was ihm vom ander’n am Ende noch bleibt

Immer wenn einer, Philipp Poisel

Es müsste alles so klar sein und so eindeutig. Stattdessen hinterfrage ich die letzten Monate und alle Emotionen. Diese Diskrepanz zwischen einer Entscheidung und ihren Konsequenzen ist es, was mich aufweicht. Viel schwerer zu ertragen ist diese Senke, weil ihre Ränder verschwimmen, statt sich klar abzuzeichnen.

Niemand fragt den, der von sich aus geht, ob er auch Heimweh hat. Er hätte schließlich bleiben können. Aber wenn Bleiben keine Option ist, und es wehtut, ist es wahrscheinlich an der Zeit, in sich selbst wieder ein Zuhause zu finden.

Mai 2026

  • Alles liebe zum Geburtstag, A. Die letzten Wochen waren nicht leicht für dich, und ich weiß, dass das an mir liegt. Das ist eine verdammt schwere Zeit. Und ich hoffe, deine Freunde und die fantastischen Gerichte im Remi konnten dich das an diesem Abend etwas vergessen lassen.
  • Auch L. aus San Francisco feiert Geburtstag in Berlin, im otto. Wir verbringen einen köstlichen und lustigen Abend. Hach, ich könnte in der Hauptstadt einfach kontinuierlich nur Essen.
  • Irgendwie ist es erschreckend, wie sehr meine Großeltern schon dem Eintreten ihres Ablebens im Reinen sind. Vermutlich begreift man das in diesem Alter (85 & 90!) irgendwann.
  • Von Hape Kerkeling habe ich schon einiges gehört und gelesen. Aber über die Entdeckung von Café Korten bin ich doch sehr dankbar.
  • Es wird langsam warm, und ich merke, wie ich sofort bessere Laune und mehr Energie habe. Endlich.

April 2026

  • Es ist Ostern und L. ist zu Besuch. Normalerweise hole ich immer und alle vom Bahnhof ab, aber heute bin ich so sehr noch mit Arbeit beschäftigt, dass ich es nicht rechtzeitig schaffe. Das tut mir wirklich weh, denn es ist nicht meine Art. Wenn auch nur eine kleine Geste, ist sie ein Zeichen von Aufmerksamkeit und eine unausgesprochene Bekundung an die Freundschaft.
  • Wieder eine Woche bei meiner Mutter zu leben ist sehr komisch. Mir wird wieder klar, warum ich schon mit 15 meine eigene Wohnung wollte. Und doch ist es schön an einem so bekannten Ort zu sein.
  • Ich schreibe wieder viel mehr, auch per Hand. Vergessene Freude. Wenn mich etwas beschäftigt, kann ich in Echtzeit mitverfolgen, wie diese aufgewühlten Emotionen langsam ihren Platz finden. Zwischen den Zeilen und in meiner Brust.
  • Im Turmzimmer zum Luca Fogale Konzert treffe ich M. und J. Es ist eine tolle Stimmung, auch wenn ich nicht weinen muss. For und Ashes streicheln mir die Seele; »Love carries all of us home«.
Das Remi in Berlin serviert ein ausgezeichnetes Sellerie Cordon Bleu, dazu hausgemachten Kombucha.
  • Schon lange war ich nicht mehr alleine in einem Restaurant essen. Die ersten Minuten ist es ungewohnt, ich fühle mich beobachtet. Also drehe ich den Spieß um und beobachte auch.
  • Claude hat behauptet, das Gefühl zu kennen, Kuscheln mit jemandem zu vermissen. Ich hoffe, bei Anthrophic kümmert sich mal jemand um das arme Ding.